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Schulstunde am Karabinerhaken


Unterricht einmal anders. Der Klassenraum war eng, stickig und befand sich in Schwindel erregender Höhe. Lukas Nacke und Fabian Pellmann aus der Klasse 7b des Gymnasiums Canisianum hatten am Donnerstagabend die wohl einmalige Chance, praktischen Unterricht vor Ort zu erleben in der Kanzel eines Windkraftrades. Die beiden Mitglieder des Sunny-Cani-Teams lernten die Technik einer Windkraftanlage kennen, die im September vergangenen Jahres in Amelsbüren errichtet worden ist.

Die Kletterei war der Hammer, waren sich die beiden Schüler nach der Tour einig. Zwar war die Technik in der Kanzel schon beeindruckend, aber sich 74 Meter hoch an einer senkrecht stehenden Aluminiumleiter zu hangeln, hatte schon den Hauch eines Abenteuers. Dass es beim Hauch blieb, dafür sorgte Thomas Siepelmeyer, Verwalter der beiden Zwillings-Windkraftanlagen am Rande der Davert. Ohne ihn darf nämlich kein Besucher den Weg hinauf in die Kanzel antreten. Der Windmüller instruiert die Besucher nicht nur vor der Klettertour, er hilft auch beim Anlegen der Gurte, mit denen sich der Alpinist in das Sicherungssystem einklinkt. Und dann geht es nur noch aufwärts: 20 Minuten dauerte für die Schüler der Aufstieg, runter ging es in 15 Minuten. Das geht ganz schön in die Arme, waren sich die beiden Klettermaxe nach ihrer Tour einig.

14 Euro kostete den Betreibern der Besuch der Gäste im Elektrizitätswerk. Während des Besuches in der Kanzel wird das Kraftwerk natürlich aus dem Wind gedreht die Rotorblätter stehen still und produzieren in dieser Zeit natürlich auch keine Energie. Lediglich die Stellmotoren, die immer wieder dafür sorgen, dass die Rotornabe optimal im Wind steht, treten immer wieder in Aktion. Ansonsten hören die Besucher höchstens den Wind pfeifen. Die Kanzel selber ist voll gepropft mit Technik. Dominiert wird der Maschinenraum vom Getriebe und dem Generator. Die drei 26 Meter langen Rotorblätter sitzen auf einer Welle, die über ein Getriebe den Generator antreiben. Hier wird der Strom produziert. Im Sommer ist es hier bis zu 70 Grad warm, erläutert Siepelmeyer den beiden Schülern, die auch in der eigentlich sichern Kanzel stets mit einem Karabinerhaken gesichert sind. Die Hitze resultiert weniger aus der Sonneneinstrahlung als vielmehr aus der Abstrahlung der Turbine, die eine Nennleistung von 850 kW hat, aber auf maximal 650 kW gedrosselt ist eine Auflage der Stadtwerke Münster, in deren Netz der Strom eingespeist wird. Außer Technik hat die Kanzel nicht viel zu bieten. Es besteht lediglich noch die Möglichkeit, durch eine Klappe auf der dem Rotor gegenüberliegenden Seite einen Blick nach draußen zu werfen. Hier ist eine kleine Winde installiert, um bei Reparaturen Material nach oben ziehen zu können. Der Blick nach der Kletterpartie durch die eintönige Stahlröhre macht optisch deutlich, wie hoch 74 Meter sind.

Die Schaltzentrale der Anlage befindet sich im Fuß des eisernen Turmes. Ein Computer registriert sämtliche Daten und Werte rund um den Betrieb der Anlage. So ist beispielsweise ablesbar, dass die Generatoren der zwei nebeneinander liegenden Windkraftanlagen 300000 kW/h produziert haben und im gleichen Zeitraum 500 kW/h aus dem Netz gezogen haben. Diese Energie wird beispielsweise für das Anfahren benötigt. Thomas Siepelmeyer verschweigt den Schülern, die sich in ihrer Arbeitsgemeinschaft derzeit mit einem Vergleich zwischen Windkraft- und Solaranlagen befassen, nicht, dass die Windräder noch Kinderkrankheiten leiden. Die Elektronik macht den Betreibern Kopfzerbrechen beispielsweise die Windmessung per Ultraschall.

Quelle: WN, 14.05.2005